Grundlage für das hier vorgestellte Training von Beratungskompetenz sind humanistisch orientierte theoretische Ansätze, insbesondere die von Carl R. Rogers über viele Jahre hinweg als non-direktives Verfahren konzipierte und zu einem klintenzentrierten modifizierte, von anderen später erweiterte und auf nicht-therapeutische Kontexte angewandte Gesprächspsychotherapie, das Pädagogische Gesprächstraining von Waldemar Pallasch sowie Ansätze des Consulting, d.h. der Beratung in und von Unternehmen, die von Stefan Titscher als Professionelle Beratung zusammengefasst werden.
Thematisiert werden daher eher non-direktive und eher direktive Verfahren im Kontext alltagsnaher, nicht-therapeutischer Beratungssituationen, wobei der Fokus auf dem methodischen Know-how liegt.
Non-direktiv im Sinne von Rogers impliziert vor allem, dass Therapeuten "keine eindeutige linear-kausale Ursache-Wirkungsproblematik" unterstellen (Pallasch 1995, S. 19) und damit den Patienten bzw. Klienten von vornherein limitieren, nicht aber, dass sie keinerlei Interventionen vornehmen. Dies gilt auch für non-direktive Beratungen.
Um Menschen im Kontext der von Rogers in der 50er und 60er Jahren weiter entwickelten klintenzentrierten Gesprächspsychotherapie zu einer höheren Selbstwahrnehmung und -reflexion zu verhelfen, erschienen ihm die so genannten Basisvariablen vonnöten: Kongruenz, Akzeptanz und Empathie.
Sie entscheiden für Rogers über die Qualität des therapeutischen Prozesses: "Je mehr der Therapeut in der Beziehung (zum Therapierten) er selbst ist, jemand, der keine professionelle Front oder persönliche Fassade aufrichtet, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Klient in konstruktiver Weise sich verändern und wachsen wird. Dies bedeutet, dass der Therapeut offen die Gefühle und Einstellungen lebt, die in ihm im Augenblick fließen." (Rogers 1982, S. 75). Dies bedeutet allerdings nicht, dass der Therapeut bzw. die Therapeutin jederzeit und vollständig seine Gefühle und Gedanken an den Klienten weitergibt, sondern, dass er oder sie über differenziert innere wie äußere Wahrnehmungen verfügt, um diese im Sinne des Klienten für den jeweiligen Prozess zu nutzen. Wir haben es also in der Therapie wie auch in Beratungssituationen mit einer selektiven Authentizität zu tun. "Spontane Impulse ... sind nur dann zulässig, wenn sie in einem kontrollierten Arrangement erfolgen."Buer 1999, S. 167). Dies gilt zumindest für den pädagogischen und psychologischen Bereich.
Der Begriff der "Beratung" ist bisher weder geschützt noch bezeichnet er verglichbare Berufsbilder. Vom Anlageberater über die Drogenberaterin, den Eheberater, die Farbberaterin, den Konfliktberater, die Personalberaterin, den Steuerberater, die Unternehmensberaterin usw. gibt es eine Vielzahl von Beraterinnen und Beratern, die sich im institutionellen oder politischen, im päda-gogischen und psycholgischen, im sozialen oder wirtschaftlichen Bereich den "Ratlosen" jedweder Provenienz anbieten.
Gemäß Schätzungen des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater waren in Deutschland 1994 etwa 9000 Beraterfirmen tätig, die rund 11 Milliarden an Einnahmen erwirtschafteten. Schätzungsweise 1,2 Milliarden davon entfielen auf den Bereich der Personalberatung (Titscher 1997, S. 9). Und dies ist nur ein Segment des "Beratungsmarktes". Interne, d.h. in Unternehmen selbst angestellte Beraterinnen und Berater bzw. die des sozialen, pädgogischen und psychologischen Bereichs, selbstständige Berater wie etwa Steuerberater sind hinzuzuzählen.
Als Formen professioneller Beratung können die Fachberatung (sachliche Bearbeitung inhaltlicher Problemfelder), die Prozessberatung (Bearbeitung von Interaktions- und Handlungsmustern z.B. im Kontext von Organisationsentwicklung), das Coaching (meist personenbezogene Einzelberatung), die Supervision (arbeitsbezogene Entwicklung und Erweiterung von professionellen und persönlichen Kompetenzen von Einzelnen oder Gruppen) sowie die pädagogisch-psychologische Beratung (z. B. bei Lernschwierigkeiten, Hochbegabung, Schulangst). Beratung im letztgenannten Sinne ist "eine kurz- bis mittelfristige, zeitlich begrenzte, meist institutionell gebundene Hilfeleistung. Eine Abgrenzung zur Therapie ist kaum möglich ... Merkmale sind die eher gesunde Persönlichkeitsstruktur und die eher auf äußeren Faktoren fußende Problemstruktur der Klienten." (Pallasch 1995, S.31). Beratung ist insofern unterstützend, problemlösend sowie informationsvermittelnd orientiert und zielt üblicherweise auf Kompetenzerweiterung und Verhaltensänderung.
Beratungsgespräche
1. Schaffen einer angenehmen und akzeptierenden Gesprächsatmosphäre
(Raum, Nähe - Distanz, Sitzordnung, Pacing usw.)
2. Begrüßung, beim Erstkontakt Informationsgespräch (Beratungsanlass, Problemlage, Beteiligte, Art der angestrebten Beratung, ggf. Ansprechen der Beziehung von Auftraggeber - Klient - Berater sowie der Rahmenbedingungen, Beratungsauftrag oder -kontrakt), Termin für ein weiteres Beratungsgespräch (optional)
3. Zwischenzeitlich: Hypothesenbildung und -überprüfung seitens des Beraters,
Lösungsalternativen und Folgenabschätzung
4. Beratungsgespräche (aktives Zuhören, Paraphrasieren und Verbalisieren, ggf.
Experimentieren, erlebnisaktivierende Verfahren, kognitive Umstrukturie-
rung, Informationsvermittlung, Arbeiten an der Problemlösung)
5. Zwischenzeitlich: Hypothesenüberprüfung und Effektivitätskontrolle
6. Beratungsabschluss, Rückblick auf den Prozess, "Evaluation"/Feed-back
Beratungsgespräche bzw. Beratungen können sich über einen längeren Zeitraum erstrecken oder auch in nur einer Sitzung erfolgen. Je nach ihrer eigenen Ausbildung und dem Beratungsauftrag können sie eher fachlich, z. B. betriebwirtschaftlich, oder persönlichkeitsorientiert sein, z. B. in der Familienberatung. Neben einem je spezifischen Fachwissen sollten Beraterinnen und Berater über Methodenrepertoire verfügen, also Moderationetechniken, aktives Zuhören, Mediationsverfahren wie das "Problemlösen in fünf Schritten" und weitere Interventionen zielführend einbringen können.
Die Aufgabe von professionellen Beraterinnen und Beratern ist nicht nur, ihren Klientinnen und Klienten "Hilfe zur Selbsthilfe" zu vermitteln, sondern auch, einen Rahmen zu schaffen, in dem dies überhaupt gelingen kann. Eine Atmos-phäre gegenseitiger Akzeptanz ist dafür unerlässlich, auch und gerade bei Konfliktberatungen. Beratung erfordert daher in aller Regel Vorüberlegungen und Schritte im Vorfeld der eigentlichen Beratung sowie eine geeignete, vertrauensbildende Selbstdarstellung des Beraters. Dies gilt auch für die eher direktive oder fachliche Beratung. Zu den Schwierigkeiten ds Beraterberufes zählt, dass Beratungserfolge oft erst längerfristig sichtbar werden. Daher ist ein Feedback nach erfolgter Beratung bzw. eine Evaluation wichtig und weiter führend.
Training von Beratungskompetenz
Warming up
(Vorstellungsrunde; was können Sie gut, was weniger gut, wenn Sie jemanden beraten wollen oder sollen, was möchten Sie lernen?)
Trainingsgrundsätze
Nonverbale Kommunikation
(Nähe - Distanz, Pacing, Rapport, Settings)
Paraphrasieren
(CBA-Technik, "Einstiegsthemen für Übungsgespräche" nach Pallasch 1995, S. 211)
Verbalisieren
(CBA-Technik, Problembereiche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer)
Aktives Zuhören
(Regeln für unterstützende Gesprächsführung, CBA-Technik, Übungsbögen "Direkte Fragen vermeiden", "Aspekte heraushören" nach Pallasch 1995, S. 212f)
Moderationstechniken
(Übungsbogen Heckt 1997)
Anfangs- und Abschlusssituationen gestalten
(Rollenspiele, u.a. "Glückliche Familie" und "Krach im Betrieb")
Problemlösen in fünf Schritten
(Übungsbogen Heckt 1997 sowie "Leitfaden für die Streitschlichtung")
Selbstwahrnehmung
(Feed-backs der Beobachter, Übungsbogen "Einschätzung des eigenen Gesprächsverhaltens" nach Pallasch 1995, S. 217ff)
Abschlussrunde
(Was haben Sie gelernt, woran wollen Sie weiter arbeiten, wie schätzen Sie dieses Training ein? Ggf. Elemente der Moderationsmethode)
Literatur
Bachmair, S. u.a.: Beraten will gelernt sein, 3. Aufl Weinheim u. Basel 1985
Buer, F.: Lehrbuch der Supervision, Münster 1999
Heckt, D. H.: Schöne neue Pädagogik? , dies.: Mit der Moderationsmethode arbeiten. In: PRAXIS SCHULE 5-10, H. 5/1997
Pallasch, W.: Pädagogisches Gesprächstraining. Lern und Trainingsprogramm zur Vermittlung therapeutischer Gesprächs- und Beratungskompetenz, 4. Aufl. Weinheim und München 1995
Rogers, C. R.: Meine Beschreibung einer personenzentrierten Haltung, in: Zeitschrift für personenzentrierte Psychologie und Psychotherapie, H. 1/1982
Titscher, S.: Professionelle Beratung. Was beide Seiten vorher wissen sollten...Wien und Frankfurt 1997
Von Wedel-Wolff, Annegret: Beratung will gelernt sein, in: GRUNDSCHULE H. 12/1994
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